.. 16.Nov.2019 .. 02:06 Uhr ..
 achtung: entwurfsfassung, nur testweise im netz (bei Fehlern gerne Rückmeldung)
Kurze Wertung
Die Studien  

Man muss die OECD-Studie vielleicht nicht komplett in die Tonne kloppen, aber in entscheidenden Punkten schon. Die Arbeitszeiten, vor allem aber die Unterrichtsverpflichtungen sind äußerst schlampig recherchiert worden. Das ist aus zwei Gründen ärgerlich.

Zum einen ist das Unterrichten der Teil der Arbeit, der zwar den meisten Lehrern die größte Freude macht, aber auch der Teil, der mit Abstand die höchste Belastung darstellt.
Die meisten Experten in Deutschland sind zwar der Meinung, dass unterrichten eine lockere Angelegenheit ist, es gibt aber einige wenige, die von einer sehr hohen Belastung sprechen. Die vielen Experten sind die Stammtischbrabbler, die wenigen nennen sich Arbeitsmediziner.

Zum anderen werden uns Lehrern immer wieder die OECD-Zahlen um die Ohren geschlagen mit dem Hinweis auf die englisch sprechenden Länder, immer schön nach dem Motto "Schaut mal, wie hart die ranmüssen." Insbesondere der SPIEGEL mit seinem großen Einfluss auf die öffentliche Meinung ist voll auf dem Trip gewesen, die OECD-Zahlen haben die Redakteure intellektuell nicht überfordert, weil sie die einfach nur in eine schön gestaltete Tabelle übertragen mussten. Die Studie von EURYDICE hätte man erst lesen müssen. Zu anstrengend für diese Leute.

Marathonlauf ...
... macht einer Reihe von Leuten viel Freude und gibt ihnen eine tiefe Befriedigung. Aber die machen das auch nicht täglich. Beim Unterrichten gibts genauso eine Grenze, ab der die Tätigkeit zur Belastung wird.
Arbeitsbedingungen  

Es wird in den Medien immer wieder geklagt, dass die Lehrer die Schulen nach Unterrichtsschluss fluchtartig verlassen.

Vorhaltungen der Lehrer, es gäbe ja keine Arbeitsplätze an unseren Schulen, werden dann gern schon mal mit der Sottise gekontert, die Klassenräume seien nachmittags doch frei, andere Leute würden auch in Großraumbüros arbeiten. Klassenraum <-> Großraumbüro, der Unterschied sollte aber bekannt sein, sonst machen Sie mal bei google eine Bildersuche.

An den meisten Schule wird es keinen Raum geben, in dem man in Ruhe konzentriert arbeiten kann. Diese Ruhe braucht man aber, wenn man zB eine Klausur korigieren will.

Ein Problem, an dem man einen grundlegenden Fehler im deutschen Bildungssystem aufzeigen kann ist die technische Ausstattung an Schulen und deren Wartung.
An unserer Schule gibt es 300-400 Rechner in der Schulverwaltung, reinen Computerräumen und vielen Klassenräumen. Für die Wartung (Technik, Software, Vernetzung mit aller Problematik) stehen 14 Wochenstunden zur Verfügung, also eine halbe Lehrerstelle. Sowas kann natürlich nicht wirklich gut funktionieren, obwohl die Kollegen schon viel mehr Arbeit reinstecken als sie durch die Entlastungsstunden vergütet bekommen.

In der an anderer Stelle erwähnten Schule in Aalborg waren für weniger Rechner 3 Personen zuständig, Vollzeitkräfte, Fachkräfte, keine Lehrer.

Auch in England geht man mit solchen Aufgaben anders um. Im Dokument School Teachers Review Body finden Sie unter Punkt 35 die Angabe, dass im Bereich Secondary an den Schulen 212.000 FTE (Full Time Equivalent) Lehrer arbeiten, dazu kommen 51.200 FTE an pädagogischem und nichtpädagogischem "support staff". Auf vier Lehrerstellen eine Assistenzkraft. Nicht schlecht. Bei uns ist das Verhältnis nicht 4:1 sondern bei 15:1 bis 20:1. Die Aufgaben des support staff fallen hier auch an, das machen aber hier die Lehrer mit. Auch diese Aussage wird von den Kollegen mit Erfahrung im britischen Schulsystem bestätigt.

Sicherheit
Man findet diesen Report auch als *.pdf im Netz. das ließ sich öffnen, lesen, aber komischerweise nicht abspeichern und neu öffnen.
Den entscheidenden Teil des Reports also als *.htm hier.
Die pädagogische Arbeit  

Im Spiegel-Forum wird nicht nur gehetzt.

Post eines Diskutanten, ich gehe mal davon aus dass es kein Fake ist, da die Quellen im Netz genau dieses Bild abgeben.

"Moin,
ich habe 3 Nichten, die Lehrerinnen geworden sind.
Ihre Studienpläne liegen mir vor.
Ca. 1/3 der gesamten Studienzeit nimmt das Fach 'Motivationskunde' ein.
Sie haben gelernt, wie man Schüler motiviert. Sie fühlen sich im Unterricht sicher, weil sie nicht nur ihr Fach, sondern auch das Unterrichten beherrschen.
Sie haben genügend Möglichkeiten, sich um Problemschüler zu kümmern. Dabei wird ihnen in Problemfällen ein Teil der Mühe durch erfahrene Mütter und Väter abgenommen, die auf '400 €' Basis solch einem (maximal 2) Problemkind(ern) zugeteilt sind und den ganzen Schultag mit diesen Kindern verbringen, im Klassenraum neben ihnen sitzen, mit ihnen zusammen Mittagessen usw. Eine meiner Schwägerinnen gehört dazu. Ihre Qualifikation: 5fache Mutter.
Utopie?
Nein. Schulalltag in Finnland."

Sowohl Zahlen von EURYDICE wie auch die der OECD zeigen dann noch: deutlich kleinere Klassen, deutlich geringere Unterrichtsverpflichtung. Wundert einen das gute Abschneiden der Finnen da wirklich?

Dazu kommt ...
... in Finnland natürlich die deutlich günstigere Bevölkerungsstruktur, fast alle Bewohner Finnlands sprechen gut Finnisch.
Was tun  

Eines schon mal nicht, nämlich schreien: Nehmt erst mal die Einkommenseinbußen der Finnen in Kauf und zeigt, dass ihr dann so gute Ergebnisse bringt wie die Lehrer da.

Gebt uns die Arbeitsbedingungen, wie sie in anderen Ländern üblich sind. Jedem Lehrer einen Arbeitsplatz, an dem man sowohl in Ruhe korrigieren als auch schon mal mit 2 oder 3 Kollegen was neues entwickeln kann. Mit der Wartung und Verwaltung der Schule haben Lehrer nichts zu tun, das gilt für Computer, Labore, Werkstätten, Zeugnisdruck usw.

Und führt die Unterrichtsverpflichtung mal in die Nähe des europäischen Durchschnitts. Dann kann man auch erwarten, dass die Lehrer deutlich mehr Zeit in der Schule verbringen als jetzt. Ich würde sicher mehr in der Schule arbeiten, wenn die Bedingungen akzeptabel wären.

Aber ...
... solche Vorschläge darf kein Verband machen. Garantiert läufts dann so: erst kommen die Verpflichtungen, dann keine Verbesserungen.
Ab 22jul10: 159 Bes.
jaik.de